CHRIStel 2002

  • Ist es Dir auch schon mal aufgefallen: Du bist anders als die anderen.
    • Du benutzt die Rolltreppe ungerne, weil...
    • Dir wird schon bei dem Gedanken daran unbehaglich, wenn Du nur an das Innere eines Flugzeuges denkst, weil...,
    • Du trägst nicht die neuesten Klamotten, weil...
    • Dein Leib ist zum umfangreich, weil...,
    • Deine Nase ist zu kurz,... -
  • Du bist anders als die anderen; das weißt Du längst und du hast auch den Eindruck, dass dieser und jener Mensch dich deshalb nicht ganz akzeptieren mag. Vielleicht kennst Du auch die Dir vorgehaltenen entsprechenden Gegenrenzepte: "Du solltest mal", "Du müsstest dagegen", "Tu doch endllich mal"...
     
  • Und ganz gemein wird es, wenn Dir auch noch die Bibel als Spiegel vorgehalten wird, ob Du nun für ein homosexuelles Leben geboren wurdest oder ob Du es als Frau einfach nicht übers Herz bringen kannst, die in dir beginnende Schwangerschaft austragen zu wollen - oder sei es, dass Du die Kleidung des "anderen" Geschlechts gerne tragen magst, aus welchem Grunde auch immer.
    Wenn das Dir entgegengehaltene Argument: "
    Sowas macht man nicht!" bei Dir keine Wirkung zeigt und wenn dann verschärfend keine passenden Paragraphen herangezogen werden können, dann knallt man Dir die Bibel vor die Füße.
     
  • Ich bezeichne mich jetzt einfach mal ganz fahrlässig als einen strenggläubigen Christen. Dabei erhebe ich keinen Anspruch darauf, dass ich ein Musterschüler des Jesus von Nazareth sein könnte, doch ich weiß mich bei seinen damaligen Freunden in bester Gesellschaft.
     
  • Schaue ich mich in der Bibel um, dann muss ich lachen, wenn im Blick auf unsere Lebensumstände im 21ten Jahrhundert nach der willkürlichen Zeitenwende eine ernsthafte Ableitung von Spiel- und Lebensregeln von damals (2000 Jahre vor der Zeitenwende) bis heute überhaupt irgendwie sachlich nachvollziehbar gelingen könnte.
     
  • Beginnen wir bei der Kleiderordnung vor 4000 oder vor 2000 Jahren - es war eine vollkommen andere Ordnung - also: geschenkt!
    Setzen wir das Nachdenken fort bei den hierarischen Lebensordnungen vor 4000 oder 2000 Jahren - im Vergleich zu heute sehr archaisch - also: mehr als geschenkt!
    Bedenken wir noch die Lebenserwartung und damit die Lebensspanne eines Menschen vor 4000 oder 2000 Jahren - es wäre heute ein Fest für die Versicherungsbranche - also: geschenkt.
    Berücksichtigen wir noch ganz nebenbei die Siedlungs- und Lebensstrukturen einer scheinbar geschlossenen Gesellschaft - heute eine absolute Utopie in der industrialisierten Welt mit Radio und Telefon - also: geschenkt!
    Abbruch...
     
  • Und trotzdem - nein gerade darum ist mir die Bibel in allen ihren Wertmaßstäben über die Maßen wichtig - ja wichtiger als mancher "Knigge" oder manche "Vogue" oder vor allem die meisten der päpstlichen oder und manchmal auch bischöflichen Erklärungen und Festschreibungen. Diese dienen einerseits denen, die eine Entscheidungshilfe suchen; aber auch andererseits dem Erhalt der sonst schwer haltbaren Machtstrukturen.
    Als Karrikatur nehme ich die Aufforderung des Wiener Erzbischofs, der das im Jahr 2002 erschienene Buch von Haderer verbieten lassen wollte und mit mächtigem Mediengewitter auf dieses eher auch im Himmel fröhlich begrüßte Kunstwerk zu donnern versuchte.
     
  • In meiner Bibel kann ich sehr wesentliche Teile entdecken, die eine große Hilfe und Befreiung darstellen:
     
  • Da ist das Lied von der Schöpfung, die nur im Deutschen so absolut klar und darum irreführend lautet:
    "Am Anfang schuf..."
    Dabei darfst Du die im Original bekannten Texte ohne jede festgelegte Zeitform lesen und dann kommst auf einmal Du persönlich in der Schöpfung vor und auch die Menschen vor und nach Dir und die Schöpfungsgeschichte ist damit eine Standortbestimmung für DICH und für die Menschen um Dich herum: DU bist ein Geschöpf und Du findest als solch ein Geschöpf alles vor, was Du zur Verwirklichung Deines Lebens benötigst und einsetzen kannst. Und Du findest Dich nicht allein auf dieser Welt wieder, es gibt mindestens ein Dir
    ähnliches Geschöpf ...
    Mann und Frau, ohne jede Rangfolge und ohne jede Klassifizierung.
    Mann und Frau als die Notwendigkeit, wenn es um eine Fortsetzung gehen soll, beide bekommen den Auftrag zum bewahren (
    "herrschen" kann selbst in der deutschen Sprache nicht als negativ übersetzt werden, nur weil herrschen auch missbraucht werden kann)
    In der zweiten Schöpfungsgeschichte bekommen sie ihre Stellung - nicht ihre Namen - in Schöpfung und zueinander zugewiesen: ADAM = der von Erde kommende, EVA = schwer ins Deutsche zu übertragen: das Geschöpf, dir gleich, dir gegenüber, doch nicht das selbe!
    * zum biblishen Befund siehe mehr hier
    * ein interessante
    Interview mit dem Theologen Hans-Georg Ziebertz zum Thema "ist Gott androgyn" fand ich im Internet  leider ist mir die Quelle entflohen und so darf ich den mir vorliegenden Text nicht ungefragt veröffentlichen, aber... frag mich doch persönlich an, denn privat können wir solche geschützten Dinge ungestraft austauschen - nur eben nicht veröffentlichen!

     
  • Der Überlebenskodex - an zehn Fingern festzumachen - die zehn Gebote.
    Wieder spielt uns die deutsche Sprache einen Streich, auch in ihre Fortentwicklung. Dieses "Du sollst..." wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten und Jahrhunderten derart missbraucht und beleidigend eingesetzt, dass ich immer nur sagen kann: Mein lieber Gott muss schon eine reichlich dicke Portion Humor und Geduld haben, wenn er unseren Unsinn so locker aushalten mag.
     Wenn wir heute den Kodex vom Sinai (
    eine im Blick auf Symbole überquellende Erzählung .- die heute größte Beachtung finden könnte, wenn wir endlich wieder FREI sein wollten) frisch aus seiner uns überlieferten Ursprache übersetze, dann muss es ganz  einfach wie folgt lauten:
    Du hast Dich entschieden, dass ich Dein Gott bin - ich bin Dein Gott, ich begleite und bewahre Dein Leben. Und wenn ich Dein Gott bin, dann wirst Du keine anderen Götter haben neben mir, dann wirst Du... ...nicht töten, dann wirst Du....
    Diesen Klang hatte ursprünglich auch das "Du sollst..." heute müsste eher heißen: "Du solltest!" aber darin schwebt zu viel Unverbindlichkeit mit. Die zehn Gebote erwarten von mir eine schon vorausgehende Entscheidung.
     
  • Aber ich kann an keiner Stelle dieses Kodex entdecken,
    welche Rolle ich als Mann oder Frau besonders zu spielen habe,
    was ich anziehen darf oder was nicht;
    ich kann nicht entdecken, dass mir ein anderer Mensch vorzuschreiben hat, dass ich diesen oder jenen Satz ganz anders verstehen muss.
    Selbst der schon ziemlich humorlose Martin Luther erklärt jedes der Gebote für den einfach Menschen mit dem Anfangswort: "DU" und nicht "wir"
     
  • Die Bibel als Vorlage für ein heute zeitgemäßes und religiös vertretbares Leben heranzuziehen ist spannend, setzt aber eine große Bereitschaft an Mitdenken voraus. Und wenn Dir mal wieder jemand weißmachen möchte, "aber in der Bibel..." dann belass ihn in seiner Übezeugung - er klammert sich am Buchstaben fest und nicht an der Vertrauensaussage, die darin schwingt und die ihn eigentlich erreichen sollte.
     
  • Nur zwei Beispiele:
    • König David freute sich laut einer Überlieferung einmal über die Maßen, dass er nackt auf der Straße tanzte - boah. Seit 1989/90 male ich mir das immer wieder aus, im Blick auf die "historischen Augenblicke" rund um die sogenannte Wiedervereinigung, der Bundespräsident oder gar der Bundeskanzler hätten sich auch so biblisch gefreut...
    • In der Bibel steht etwas davon, dass eher keine Zinsen genommen werden dürfen, bezw. dass alle sieben Jahre ein Ruhe- und Erlassjahr zu sein habe... - Immer wenn es unbequem wird, dann taugt die Bibel nicht mehr!