Genesis 1, 27 (1.Mose 1, 27)
"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau."

Genesis 2 (2. Mose 2)
"Adam und Eva"

"als Mann und Frau"

.     .

Einer der beliebtesten Schlagt-sie-tot-Argumente ist, dass schon in der Bibel klar und und deutlich nur von "Mann und Frau" als Schöpfungsobjekten gesprochen wird. Und diesen Menschen kann nur mitleidig oder in Einzelfällen mit gebremster Wut begegnet werden. Aufgeschreckt durch die teilweise brutale Vorgehensweise der Extrem-Religiösen, nennt man solche Menschen heute auch Fundamentalisten. Es ist ein eher schmeichelndes Wort von dem Moment an, wo diese Menschen geradezu sektiererisch sich als die Alleinwissenden und als die Auserwählten der wahren Erkenntnis ausgeben und durchzuschlagen(!) versuchen. - Die Bibel kennt keine Erde als Kugel, also ist die Erde auch keine Kugel.

Die Texte der Bibel bestehen nicht aus zufällig zusammengewürfelten Worten und Sätzen oder Absätzen. Die Wissenschaft geht seit über 150 Jahren untereinander unumstritten (und in der Theologie wird gerne heftig und verbittert gestritten - schon immer!) davon aus, dass die Texte der Bibel  einer eher unbekannten Zahl von Schriftstellern zuzuschreiben ist. - Selbst wer nicht als Textkritiker ausgebildet ist, kann schon im ersten Buch der Bibel (Genesis oder 1.Mose) bei einem aufmerksamen Lesen der Luther-Übersetzung Stilbrüche, Wiederholungen, Widersprüche zu vorher gesagtem entdecken. Diesem ersten Buch lagen mindestens drei Fassungen von einzelnen Textepisoden zugrunde, diese hat irgendjemand (vielleicht sogar ein Team) zu einer großen Geschichte verwoben - ohne möglichst das vorgefundene zu sehr zu zerstören. Die Heiligkeit eines Textes nennen wir heute Urheberschutz = wenn schon zitiert, dann korrekt.

Die Ursprungsorte der Texte sind genau genommen nicht bekannt. Sie lassen sich aber auf zwei Pole eingrenzen. Eine Schreibrichtung hatte ihre Heimat im Umfeld der Nomadenstämme, man kennt die Werte des in der Natur vorgefundenen und hat eine Hochachtung vor dem allen, weil man bemerkt hat, wie überaus abhängig man von dem feinen Spiel der Elemente ist. Und darum steht dort auch der Mensch am Ende der Aufzählung mit dem Auftrag: Mensch hab alles gut im Auge, es steht jetzt in deiner Verantwortung, wenn Dir Dein Leben etwas wert ist.

Die zweite Schöpfungsgeschichte (wohl aus mindestens zwei Vorbildern zusammengeschrieben!) entstand  vermutlich um Bereich des Zweistromlandes - sattes Umfeld, es wächst und blüht im Überfluss, den Verfassern sind Freiheit und Frohsinn bekannt, aber auch kriegerische harte Zeiten. Es ist von den ersten Stadtrepubliken auszugehen. Das Problem ist der Mensch sich selbst gegenüber, weil er sich selbst, kleinen und harmlosen Spiel- und Verhaltensregeln zu widersetzen bemüht ist.

Wichtig ist auch hier der dringende Hinweis: Beide Schöpfungsberichte entstammen der alten hebräischen Sprach- und Schriftwelt und diese Sprache kennt keine Zeitform, die sich aus einem einzigen Wort erschließt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft müssen sich aus dem gesamten Satzzusammenhang bilden oder bleiben vollkommen offen. Und genau so ist es mit den beiden Schöpfungsberichten. Sie sind in der Zeitbestimmung des Erzählers vollkommen offen. Erst die Übersetung in die (zB.) deutsche Sprache macht eine Festlegung erforderlich, was dem Text eine vollkommen falsche Fessel anlegt!

Diese Einführung ist für das Verstehen der beiden Schöpfungstexte am Anfang der Bibel wichtig, weil sie auch auf den verzweigten Weg hinweist, der dem uns heute bekannten Gesamtbild zugrunde liegt.

Die gleichrangige Gegenüberstellung von "Mann und Frau" heißt schon für die damalige Zeit eine radikale Klarstellung:
Wenn sich zwei Menschen gegenüber stehen, dann unterscheidet sie (besonders: im Blick auf Gott) als Gesamtheit der Schöpfung nahezu Nichts. Um weiteres Leben zu ermöglichen, können und müssen sie gemeinsam die Erde beherrschen - im Sinne von: sie müssen es lernen, anwenden und zweckbestimmt steuern. Im Blick auf das Werden weiterer Menschen sind sie unmittelbar darauf angewiesen einen anderen gleichweitigen Menschen zu finden, der sich nur in einer bescheidenen Kleinigkeit unterscheidet: Bin ich ein Mensch der Gebären kann, dann muss ich einen Menschen finden, der zeugen kann. Die Menschen haben sich als gleichrangig zu achten und - noch radikaler! - sie sind in der Vielfalt des Wortes ein "Bild nach Gott" (Ebenbild Gottes).

Die sich bis heute aus der Aufzählung (erst Mann, dann Frau) abgeleitete Rangfolge wäre genauso in der umgekehrten Reihenfolge ein fataler, aber geradezu typischer Irrtum, dem diese Gleichstellung ohne jede Einschränkung entgegenwirken will.
Darum hat genau genommen der Erzähler dieser Episode (Gen.1) den konkretesten Ansatz geliefert, sich gegenseitig im eigenen Sein und in der eigenen Aufgabe und in den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, sowie uneingeschränkt zu akzeptieren und sich gegenseitig zu fördern. - Und davon sind wir noch sehr weit entfernt.

 

Und bei "Adam und Eva" (Gen.2) steht als Ergebnis genau die selbe Aussage. Die feinere Ausgestaltung auf dem Weg dahin macht nicht nur das Lesen nicht spannender. Auch diesen Text (wie alle Texte des Alten Testamentes) sollte man unbedingt langsam, Satz für Satz, Wort für Wort aufnehmen, um die früher sehr notwendige Kompaktheit im Schreiben als Verpackung zu durchschauen.

Noch wichtiger als bei Genesis 1 ist hier dringend zu beachten, dass wir im Verstehen des ursprünglichen Textes kaum wirklich ahnbar stark von unserer Sprache her kommen und damit die Tiefe des Geschriebenen sträflich übersehen: Nicht nur dass uns die Zuordnung der Zeit fehlt und durch den Zwang unserer Sprache eher hilflos Ersatz gesucht wurde, auch die in unserer Sprache zwangsweise Zuordnung von "Irgendwas" zu einem Geschlecht (die Küche, der Raum, das Zimmer) verengt den Blick zum Missverständnis (Die Wahrscheinlichkeit liegt für Ungeübte bei weniger als 1:1,1).
Das drohende Missverständnis wird schon deutlich im Blick auf ADAM (= von Erde, Erdling) und EVA (= Gegenüber, Partner, Genosse) Beide Beghriffe sind für die Menschen der alten hebräischen Sprachwelt Begriffe der lebendigen Existenz, darum findet man sie nicht als Namen wieder, wie sie dann später in /oder über Europa populair werden; man könnte "Adam & Eva" auch übersetzen mit "Ich & Du".
Aber auch in diesem Text wieder eine riesige Fülle von übersetzungs-, nein übertragungsbedürftigen Wortbildern, die ihren Bezug aus dem Lebensumfeld Mensch beziehen müssen, damals, heute, demnächst.

Gott schafft den Menschen. "Der" Mensch ist auch in unserer Sprache zunächst einmal geschlechtsneutral und so auch noch mehr in Gen.2. Hier ist MENSCH das konkrete Gegenüber zu GOTT und nichts anderes. Mensch wird instruiert, wo seine Möglichkeiten und seine Aufgaben liegen, aber auch seine Grenzen werden beschrieben. Und wenn Mensch diese Grenzen überschreitet, dann besteht die Gefahr(!), dass er wie Gott wird (just in diesem Zusammenhang ist Gott übrigens als Mehrzahl [plural] beschrieben) , der Mensch aber kann mit der Fähigkeit (Gutes und Nichtgutes voneinander zu unterscheiden) von Gott nichts anfangen, wie beim ersten Baum vorgeführt wird, weil Mensch seines Gleichen sofort in die Pfanne haut, wenn ein Fehler begangen wurde.

Und auch in Gen.2 wieder die Notwendigkeit, für das weitere Leben von Mensch sind zwei zuständig, niemals einer und sie leben in einer Art Dauerkonflikt, der aber nicht eskalieren muss, wenn man sich an die Spielregeln gegenseitig hält.

Darum können heterosexuelle, intersexuelle, androgyne, homosexuelle, usw...  Menschen sich in dieser Geschichte bestens wieder finden, uns sind jeweils als Mensch Grenzen mit auf den Weg gegeben worden, aber vor allem Chancen, Möglichkeiten, Fähigkeiten, Aufgaben,...

Mit Sicherheit waren die Erzähler der Geschichten damals unserem kollektiven Denken schon um vieles voraus. Oder wie auch gesagt werden kann: Damals waren es auch nur einzelne, die Vordenken und Vorleben mochten, heute sind es auch nur einzelne, wenige, aber wir haben die Chance der Kommunikationsmittel, dieses Denken zu vernetzen und damit auch zu verbreiten.

Ich bitte um gehörigen Widerspruch!